Shakespeare Company Berlin

Wir Spieler sind nur Geister!-Grandiose Aufführung von Shakespeare’s STURM! in Rheine WESTFÄLISCHE NACHRICHTEN 16.4.2015

RHEINE. Am letzten Donnerstag ging der Theaterring B mit Shakespeares Schauspiel „Der Sturm“ nicht nur zu seinem Ende, sondern auch zu einem Höhepunkt dramatischer Weltliteratur. Dass nur etwa 200 Zuschauer im Saal der Stadthalle die meisterhafte Aufführung der Shakespeare Company aus Berlin besuchten, geht sicherlich auf Kosten der Verlegung des Termins (Erkrankung zweier Hauptdarsteller am 19. März) und des derzeit laufenden schriftlichen Abiturs. Die Romanze aus dem Alterswerk des englischen Dramatikers handelt von der Schwierigkeit zu vergeben, „Vergebung statt Vergeltung verlangt Größe“, sagt die Hauptfigur Prospero, von Michael Günther souverän mit (be)herrschender Bühnen-Präsenz gespielt. Gleichzeitig ist das Märchenspiel ein Stück über das Theater selbst, über das Spiel mit der Illusion und über die Macht der Magie. Diese dramatischen Aussagen herauszuspielen gelang der Company hervorragend, die mit ihren sechs Darstellern insgesamt fünfzehn Rollen verkörperte, jeweils anders typisiert in Sprache und Spielweise. Die Übersetzung des englischen Originals besorgte Christian Leonard, der in der Einführung zu diesem Theaterabend seine Vorstellungen erläuterte. Die Sprache war modern, aber nicht modernistisch, sie war im Sinne des Originals im Blankvers, in rhythmischer Prosa und in lyrischen Formen unter Beibehaltung der poetischen Bilder übersetzt und von den Akteuren auf der Bühne in natürlicher Vortragsart verwirklicht. Die Regie von Sebastian Kautz schuf ein geschicktes Ein-Ort-Geschehen, das das Proszenium und den Zuschauerraum variierend nutzte. Das zeigte der Einsatz der Exposition, die einmal an der Rampe mit hinteren Standbildern die Vergangenheit Prosperos und Mirandas (Katharina Schenk), zum anderen das aktuelle Inselleben in Spielszenen zeigte. Die Handlung wurde in Fantasie anregenden Kostümen (Gabriele Kortmann) durch Musik begleitet und geleitet. Dank der Beherrschung verschiedener Instrumente durch alle Akteure konnte Toni P. Schmitt eine Bühnenmusik komponieren, die aus dem szenischen Geschehen heraus entstand und für dieses auch ihre Funktion hatte. Kontrastreich wurden die zwei Inselgeister charakterisiert: Während Ariels Zaubergeige (weich gespielt und zart gesungen von Yvonne Johna) die Stimmungen der Gestrandeten nach Prosperos Belieben beherrschte, schrappte das wilde „Inselmonster“ Caliban (Daniel Schröder) auf der geisterhaft schrillen E-Gitarre zum Davonlaufen. Der clowneske Einsatz immer größer werdender Blas- und Streichinstrumente durch das alberne Paar Stefano (Thilo Herrmann) und Trinculo (Benjamin Plath) verhinderte das Abgleiten in die Klamotte der so genannten Shakpeare’schen Rüpelszenen. Ein herrlicher Kontrast: Lautes Unwetter-Getöse mit Brett und Holzklotz („Schreit nicht alle!“), das dem Publikum in den Ohren dröhnte, dagegen ein zartes Liebeslied mit Ohrwurm-Charakter, das das Publikum im Refrain („Himmel und Erde, alle sollen es hören, ich liebe dich“) mitzusingen wagte. Als die Kulissenwand fiel, kam die Wahrheit ans Licht: Das Theater ist nur Illusion, Prospero-Shakespeare entsagte der Zauberkraft, „jetzt drängt das Werk mich endlich zur Vollendung“. Sein Epilog: „Ich bin am Ende und hebe meinen Zauber auf“, die sechs Spieler waren nur Geister, „wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“, ein Abgesang auf den Zauber des Theaters, das unser Leben widerspiegelt. Die Vergänglichkeit der Welt und das Leben als Traum sind in den letzten vierhundert Jahren zu den Hauptthemen der europäischen Dramatiker geworden. Dr. Ingmar Winter