Shakespeare Company Berlin

SPANNEND WIE EIN THRILLER infranken.de Bad Kissingen 2.2.2018

Befreit vom historischen Ballast hat die Shakespeare Company Berlin mit ihrem Regisseur Michael Günther den "Kaufmann von Venedig" im Kurtheater aufgeführt.

William Shakespeares "Kaufmann von Venedig" ist sicherlich eines seiner schwierigsten, weil vielschichtigsten Stücke, das sich bei näherem Hinsehen jeder vereinfachenden Reduzierung auf klare Verhältnisse wie Gut-Böse widersetzt. Shakespeare hat beide Haupthandlungen in der europäischen Literatur gefunden, die Shylockhandlung in der italienischen Novellistik, die Liebes-Kästchenhandlung in den frühmittelalterlichen Gesta Romanorum. Und wie so oft hat er sich auch ganz unterschiedlicher Formen bedient wie etwa der Allegorie über einen Wettstreit zwischen Gnade und Gerechtigkeit, des Mysterienspiels, in dem das Gute die Oberhand gewinnt über das Böse, der Christ über den Antichrist, den Teufel, der zu Shakespeares Zeit oft mit einem Juden gleichgesetzt wurde. Die Shakespeare Company Berlin, die seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten das Publikum des Theaterrings alljährlich begeistert, und ihr Regisseur Michael Günther ließen all diesen historischen Ballast beiseite, brachen den von ihrem Leiter Christian Leonard neu übersetzten Text auf, um das freizulegen, worum es Shakespeare in all seinen Stücken zu allererst geht: die differenzierte Darstellung der Spezies Mensch in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld. Und so treffen wir die selbst- und geldverliebten Bürger Venedigs in ihrer frühkapitalistischen Fixierung auf Reichtum oder Geldmangel, auf Jugend im Vergnügungstaumel, auf Reiche, die Angst haben vor dem Bankrott, und erkennen vieles wieder aus unserer eigenen Zeit. Leider auch die verbindende Einigkeit bei der spöttischen bis aggressiven Ablehnung alles Fremden, Ausländischen: Da bekommen bei der Kästchenwahl die angeblich ständig betrunkenen Deutschen, die angeberischen, hohlköpfigen Spanier und vor allem die dunkelhäutigen Marokkaner ihr Fett ab. Am unbekanntesten waren für die Elisabethaner die Juden, denn sie waren 1290 aus England vertrieben worden, die Vorstellung der Shakespeare-Zeitgenossen von ihnen spiegelte nur die gängigen Vorurteile. Mit der Darstellung eines blutrünstigen Juden konnte man um 1600 in London Zuschauerquote machen, wie ein Stück von Shakespeares Konkurrenten Marlowe bewiesen hatte. Doch Shakespeare geht es nicht um eindimensionale Horrorbilder, sondern um eine psychologische Grundierung menschlicher Verhaltensweisen in seinem Bühnen-Mikrokosmos. Und so ist sein Shylock keine bloße Verkörperung alles Bösen und Widerwärtigen, sondern auch Opfer vieler Verletzungen sowie Demütigungen für den Außenseiter und Konkurrenten auf dem Finanzmarkt im christlichen Venedig. Und er ist kein starrer Charakter, sondern beharrt erst auf dem brutalen Kontrakt, als ihn die Entführung seiner Tochter (samt wertvollen Preziosen) durch einen jungen Christen, und deren Verschwendungssucht zum tobenden, wild hassenden Widersacher des Kaufmanns Antonio werden lässt. Und auch der ist keineswegs ein strahlender, erfolgreicher Überseekaufmann, sondern ein rätselhaft verschatteter Melancholiker. Diese Venezianer sind auch keine vorbildlichen Christen: Bassanio ist ein ziemlich windiger Liebhaber, bei Antonio hoch verschuldet, der die reiche Portia ihres Geldes wegen an Land ziehen will, sein Freund Gratiano ist ein Großmaul, der Diener Lanzelot Gobbo zeigt eine fast Comedian-würdige Fühllosigkeit, als er seinem eigenen Vater vorspielt, sein Sohn Lanzelot sei tot. Indem die Berliner absolut deutlich herausarbeiten, dass es das wirklich Gute nicht gibt in diesem Stück, dass auch die beiden Frauen ihren Ressentiments gegenüber den fremden Freiern freien Lauf lassen, eröffneten sie sich die Möglichkeit, das Kernstück des Dramas, die Gerichtsszene über die Einlösung von Shylocks Schuldschein, in seiner ganzen krassen Drastik und Spannung auszuspielen: Shylock steigert sich hinein in blinden Hass, und erst, als er das Messer ansetzt, erfährt er, dass seine Rache gar nicht durchführbar ist. Herausgespielt wird das mit quälender Langsamkeit und allen einem Thriller würdigen Tricks der Verzögerung. Und während hier die Christen frohlocken und sich ihres Sieges über den verhassten Außenseiter erfreuen, lässt sie der Regisseur doch am Ende Shylock einen unsicher-nachdenklichen Blick nachschicken, als er nach seiner erniedrigenden Begnadigung geduckt von der Bühne schleicht. Die sechs Schauspieler der Truppe, wie immer auch Instrumentalisten und Sänger, Vera Kreyer, Kim Pfeiffer, Benjamin Plath, Stefan Plepp, Oliver Rickenbacher und Daniel Schröder, haben sich die zwölf ausgespielten Rollen (Shylocks Tochter Jessica etwa war ganz gestrichen) geteilt und wie immer mit konzentriertem Engagement gespielt. Toni P. Schmitts Bühnenmusik, Rebekka Schwarks Masken und Miriam Braunsteins Bühne trugen zu einer sehr intensiven Fokussierung der Inszenierung auf die in ihrer jeweiligen Individualität klar herausgespielten Charaktere bei. Trotz der diesmal nicht nur heiteren Kost vom größten Dramatiker aller Zeiten war das Publikum im fast ausverkauften Kurtheater begeistert, mit rhythmischem Klatschen und Bravos verabschiedete es die Berliner Truppe. Text: Gerhild Ahnert