Shakespeare Company Berlin

Shakespeare als schriller Klamauk DIE RHEINPFALZ 30.7.2019

Das Dahner Publikum reagierte begeistert auf den üppigen Theatergenuss, den die Shakespeare Company Berlin am Sonntag mit „Maß für Maß“ auf die Bühne brachte. Unschlüssige gab es allerdings auch, die nicht recht wussten, was sie von der Inszenierung halten sollten. Dass auch Kritiker unterschiedliche Schwerpunkte setzen, wollen wir heute am Beispiel der beiden Besprechungen von Christiane Magin und Achim Ropers zeigen. Deftige Slapstick-Einlagen kombiniert mit feinem A-Cappella-Gesang ergeben eine mitreißende wie vielschichtige Commedia dell’Arte, mit der die Theatermacher ein groteskes Bilderbuch des Machtmissbrauchs aufschlagen. Isabella sieht aus wie ein Scheich, Angelo erinnert an Mephisto und der Edelmann gleicht einem Fuchs. Doch immer schimmern auch die Kostüme durch, die zu anderen Figuren gehören, denn „Maß für Maß“ zählt 15 Charaktere, auf der Bühne stehen fünf: Katja Uhlig, Vera Kreyer, Katherina Kwaschik, Nico Selbach und Tobias Schulze. Pia Wessels hat mit ihrer Ausstattung den Schauspielern eine Wandlungsfähigkeit par excellence auf den Leib geschneidert. Weil das Publikum meist sieht, wie die Figuren sich verändern, ist jede Illusion von Theaterwelt gebrochen. Ein geschickter Schachzug, auf die Jetztzeit zu verweisen. Regisseur Matthias Grupp, eigentlich künstlerischer Leiter des Vorstadttheaters Basel, war begeistert, als ihn die Shakespeare Company Berlin fragte, ob er Shakespeares „Maß für Maß“ mit ihnen inszenieren wolle. Dass die Politik Österreichs mit der Strache-Affäre ihm prompt einen Spiegel bot, in dem sich Shakespeares Text als brandaktuell und so was von heutig erweist, sei das Absurde, findet Grupp. Dann spiele die Handlung sogar im Original prompt in Wien anstatt in ferner Shakespeare-Welt. Von William Shakespeares feiner Sprache ist in der Inszenierung allerdings rein gar nichts mehr zu hören. Vielmehr verwandelt sich der Text durch die Übersetzung von Adi und Ueli Blum in eine burleske Farce. Die beiden Schweizer, die mit Dialekten nicht im Geringsten sparen, schaffen eine Mundart-Orgie, die zwischen Wienerisch, Hochdeutsch und Sächsisch schwankt. Meist kreischen sich die Charaktere ausladend brüsk an, dann überraschen sie wieder mit erstklassigem Gesang. Weil die Schauspieler alle sehr gute Sänger sind, weben sie auf musikalische Art eine sehr gefühlvolle Ebene in das Stück. Egal, ob mit Händel, Bach oder Bob Dylans „Blowing In The Wind“: Bedächtig klingt aus ihrem Mund jeder Laut, solange er gesungen ist. Die Figur, die die Truppe frei erfunden hat, erntet mit am meisten Applaus. Es ist die Sekretärin, gespielt von Tobias Schulze, die mit langsamer Stimme und langsamen Bewegungen das Stück konterkariert, aber auch ansagt, an welcher Stelle das Spiel angelangt ist. Denn das zu erkennen, ist nicht immer leicht in dem explosiven Spiel. Star auf der Bühne ist der Henker. Das Publikum grölt, als der groteske Scharfrichter mit dem blutigen Jackett dem Praktikanten erklärt, wie mit der Säge der Kopf am besten abgetrennt wird – nicht zuletzt, weil er an einem Theaterbesucher das Prozedere demonstrieren will. Aber auch der Herrscher, der als Mönch verkleidet durch die Szenerie huscht und sich immer wieder als Herzog zu erkennen gibt, erntet riesigen Applaus. Doch erst einmal zeigt Regisseur Grupp das liebe Wien auf der Bühne bruchstückhaft hinter den Kulissen. Hinter drei quadratischen Wänden mit barocker Tapete ist scheinbar das Rotlichtmilieu mit all seinem Sittenverfall etabliert – mit Sex, Alkohol und Keiferei. Einmal schwankt ein Mann weinselig nach vorne in den Bühnenraum, einmal läuft einer mit heruntergelassener Hose von A nach B und Liebesakte sieht man auch. Die Figuren folgen voll und ganz der Devise „Mehr Mut zu unserem Wiener Blut“, die sie flink Johann Strauß zuschreiben. Das Dahner Publikum amüsiert sich köstlich über Kostüme und Maske der Schauspieler, die durchweg grell geschminkt sind, und mehr an die „Rocky Horror Show“ erinnern als an Shakespeare. Jedenfalls meistens. Denn die Irrwitzigkeit des Stücks muss man erst mal aushalten können. Und mancher Lacher aus dem Parkett bleibt auch mal im Halse stecken, weil Stimmungen auch urplötzlich ins Dramatische kippen.Wie dem auch sei: Die Dahner Sommerspiele haben mit der Shakespeare Company einen Garanten für ein volles Haus. Das Parkett war diesmal – beim fünften Auftritt der Truppe in Dahn – sogar besser besucht als sonst. An Stelle von open-air auf der Altdahn Guckkastenbühne im OWG-Theater – den zahlreich erschienenen Theaterbegeisterten war es weitgehend recht; wussten die meisten unter ihnen doch, was sie erwartete. Denn das Ensemble der Shakespeare Company Berlin gastierte bereits zum fünften Mal in Dahn. Und diejenigen, die bis zum Ende blieben, wurden nicht enttäuscht: Die fünf Akteure spielten ihre Interpretation der Shakespeare-Komödie als schrilles Klamauk-Spektakel so leidenschaftlich, dass der Applaus nicht enden wollte. Natürlich kann man eine literarische Vorlage verändern, indem man zum Beispiel inhaltlich andere Schwerpunkte setzt, musikalische und choreografische Einschübe platziert oder aktuelle Bezüge herstellt. Doch der Kern des Stücks sollte weiterhin im Vordergrund stehen, wenn man das Werk des Autors inszenieren will. Da entstanden bei dieser Aufführung doch etliche Unklarheiten. In der Literatur wird Shakespeares „Problemstück“ als Komödie mit tragischen Zügen bezeichnet, wird doch „Maß für Maß“ in seinem dramatischen Aufbau durch einen Komplex von Themen strukturiert, wie Fragen nach Sexualität, Recht und Gnade sowie die Bedeutung von Autorität und Macht. Ob man einer solch anspruchsvollen Thematik dadurch gerecht wird, dass man statt Charaktere närrische, groteske Figuren auftreten lässt, ist zu bezweifeln. Was machte den Theaterabend trotzdem zu einem genussvollen Erlebnis? Da ist zum einen das unglaublich multifunktionale Bühnenbild. Drei scheinbar geschlossene Wände lassen sich an den unter-schiedlichsten Stellen öffnen, um dann als Requisiten zu dienen. Pia Wessels ist es mit dieser Bühnengestaltung gelungen, dem Zuschauer immer wieder neue Einblick in die verschiedensten Spielräume zu ermöglichen. Michael Eimann zaubert mit seinen A-Cappella-Kompositionen eine so dichte Atmosphäre in einigen Szenen, dass man in diesen gerne auf die sprachliche Kommunikation verzichtet. Allerdings kann er sich dabei auf ein Ensemble verlassen, welches die musikalischen Herausforderungen sehr eindrucksvoll bewältigt. Dies gilt auch für die Umsetzung des gewählten Regiekonzepts. Allen fünf Darstellern gelingt es ausgezeichnet, ihre unterschiedlichen Rollen entsprechend zu gestalten. Als Buffone angelegt, dürfen sie mimisch, gestisch und sprachlich das volle Spektrum ihres Könnens ausleben. Katharina Kwaschik verkörpert den schmierigen Zuhälter Pompey ebenso ausdrucksstark wie die moralisch unantastbare Novizin Isabella. Lediglich in ihrem Schlüsseldialog mit ihrem Bruder Claudio bleibt sie ein wenig unscharf. Ist ihr moralischer Impetus echt oder doch nur aufgesetzt? Katja Uhlig gefällt besonders als Angelos verschmähte Liebe Mariana. Sie demonstriert eindrucksvoll, wie sich eine junge Frau fühlen muss, die von ihrem Geliebten missbraucht und anschließend fallen gelassen wird. In der Rolle des Ellenbogen begeistert sie das Publikum mit ihren ständigen sprachlichen Verballhornungen. Vera Kreyer hat die undankbare Aufgabe, die längste Zeit ihres Auftritts als Claudio gefesselt an der Wand zu hängen. Seine Enttäuschung über Isabellas Entscheidung, lieber Jungfrau zu bleiben als das Leben des Bruders zu retten, ist mit Händen zu greifen. Nico Selbach spielt unter anderen den sittenstrengen Statthalter Angelo, der dem allgemeinen Sittenverfall Einhalt gebieten soll. Er zeigt am eindrücklichsten die große Bandbreite zwischen Laster und Tugend, die in der menschlichen Natur schlummert. Tobias Schulze weiß in all seinen Rollen zu gefallen. Als Madame Overdone tritt er als Wiener Bordellbesitzerin genauso souverän auf wie als Herzog. Dabei übernimmt er immer wieder die Rolle des Conférenciers. Als sehr lakonisch agierende Sekretärin löst er im Publikum immer wieder Lachsalven aus.Matthias Grupp hat eine Bearbeitung der Komödie erstellt, die durchaus kritisch hinterfragt werden darf. Wenn man von der Publikumsreaktion ausgeht, hat er „Maß für Maß“ äußerst unterhaltsam und witzig inszeniert.