Shakespeare Company Berlin

SEIN HEIKELSTES WERK Berliner Zeitung 7.7.2016

Shakespeare Company Berlin spielt „Der Kaufmann von Venedig“ klug verknappt.

Theater im Freien ist ja so eine Sache. Mal blendet die Sonne, mal ist ein Flugzeug zu laut. Die Shakespeare Company Berlin freilich hat im Natur-Park auf dem Schöneberger Südgelände seit 2011 zwischen hohen Birken, wilden Büschen und pittoresk vergammelter Industriearchitektur ihr zauberisch anmutendes Quartier aufgeschlagen. Die Geräusche drumherum – Blätter rascheln, Vögel singen, die ferne S-Bahn quietscht – fügen sich unaufdringlich in die Aufführungen ein. Für Shakespeares Dramen ist das ein wunderbares Ambiente, zumal sich über der kleinen Bühne ein für städtische Verhältnisse unendlich weiter Himmel wölbt und all den Verrückten und Verliebten, Verwegenen und Verdorbenen ein so konkretes wie metaphysisches Dach bietet. Zum Beispiel dem reichen Juden Shylock, der seinem christlichen Widersacher Antonio 3000 Dukaten leiht und ihm bei verspäteter Rückzahlung ein Pfund Fleisch nahe dem Herzen herauszuschneiden vereinbart. Was für ein Paar, vereint in gemeinster Abneigung und religiöser Eiferei! "Der Kaufmann von Venedig“ ist William Shakespeares heikelstes Werk, und die Debatten, wie antisemitisch, wie antichristlich es ist, finden kein Ende. Der Regisseur Michael Günther hat es nun als klug verknapptes, klar konturiertes Sommertheaterstück für sechs Schauspieler in jeweils mehreren Rollen inszeniert. Die können sich nicht bloß rasend schnell umziehen und fliegend Gestus, Ausdruck, Sprechweise wechseln, sie können auch trommeln, trompeten und für hübsche musikalische Einlagen sorgen. Ob mit Masken oder auf flinken Füßen über die zwei gegenläufig gekrümmten Stege der Holzbühne, ob mit hämisch ausgefochtenen Dialogen oder übermütig genossener Freude entwickeln sie die Fabel und ihre Konflikte so plausibel wie sinnlich. Wenn aus Stefan Plepp als Shylock aufgeregt sein großer Monolog über die Gleichheit von Juden und Christen herausbricht („Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“), soufflieren ihm die anderen immer wieder Worte, als wüssten sie längst besser als er selbst, was er sagen will. Da verliert er erstmals die Entschlossenheit seiner blutrünstigen Rachegelüste. Oliver Rickenbacher als elegisch verträumter Antonio dagegen ist nicht nur vom Rauch seiner E-Zigarette, sondern zudem von einer unbestimmten Melancholie umwölkt – vielleicht weil er seinen Freund Bassanio heimlich mehr liebt, als dem recht wäre. Daniel Schröder zeigt den als locker-forschen Frauenschwarm, der sich mit Benjamin Plath als seinem kecken Kumpel Gratiano blendend heterosexuell versteht. Vera Kreyer und Kim Pfeiffer als Portia und deren Vertraute Nerissa sind zwei intelligente Scherzkekse, die sich von den Männern nicht hereinlegen lassen. Wenn sie zwischendurch in der schwarzen Rückwand die mittlere Tür öffnen, sieht man echte Natur: Blätter, Sträucher, Baumstämme. Fiktion und Realität, Leben und Kunst verschränken sich bestens – wie überhaupt an diesem eindrucksvollen, entspannt gelungenen Abend. Text: Irene Bazinger