Shakespeare Company Berlin

Schrilles Bühnenspektakel im Zeichen von #metoo RBB-INFORADIO 12.6.2019

Vogelgezwitscher und der Duft von Schnitzel und Burgern erfüllen die Luft rund um die kleine Open-Air-Bühne im Schöneberger Südgelände. Als die Berliner Shakespeare Company am Dienstagabend ihre neue Saison beginnt, scheint noch die schwül-warme Abendsonne auf das verwunschene Wäldchen. Eine ideale Spielstätte sei dieses Biotop sagt die freie Theater-Company: nur wenige S-Bahnstationen vom Potsdamer Platz entfernt und doch noch immer ein Geheimtipp selbst für viele Berliner. Zwischen Birken, Aquädukt und historischem Wasserturm entfaltet das Ensemble – in Co-Produktion mit dem Vorstadttheater Basel – an diesem Abend eine der schrilleren Komödien William Shakespeares: "Maß für Maß!" Ernste Frage mitten im fröhlich beklatschten Bühnenklamauk. Der Herzog Wiens findet, dass der Sittenzustand seiner Stadt aus dem Ruder gelaufen ist. Selbst möchte er sich nicht unbeliebt machen durch Strafen und Sanktionen, also täuscht er eine Reise vor und übergibt vorher schnell noch sämtliche Regierungsgeschäfte seinem Stellvertreter. Der fackelt nicht lange und greift hart durch. So soll ein junger Mann gehängt werden, weil er seine Geliebte geschwängert hat. Die Schwester des Unglücklichen soll nun mit dem kaltherzigen Stadthalter und Richter ins Bett gehen, damit der ihren Bruder begnadigt. Doch die junge Frau will sich nicht fügen. Lieber solle doch ihr Bruder sterben, als dass sie ihrer eigenen Vergewaltigung zustimme. Ihr Bruder findet derweilen, dass sie ihm dieses klitzekleine Opfer ja wohl bringen könne. Und hier bleibt dem metoo-geschulten Zuschauer das Lachen im Halse stecken. Schält man all den fröhlich beklatschten Bühnenklamauk ab, bleibt trotz schräg-komischer Figuren, die teilweise der "Rocky Horror Picture Show" entsprungen sein könnten, eine zutiefst ernste und aktuelle Frage: Wer bestimmt eigentlich über weibliche Körper und welchen Wert hat die körperliche Unversehrtheit einer Frau? Shakespeare freilich kann diese Frage nicht beantworten. Hier kommen alle Protagonisten dank pfiffiger Tricksereien und klassisch inszenierter Verwechslungen mit heiler Haut davon. Den überaus spielfreudigen Schauspielern der Berliner Shakespeare Company gelingt an diesem Abend ein seltener Spagat: Auf die hölzernen Bühnenbretter im verwunschenen Schöneberger Südgelände legen sie eine rasant fröhliche Komödie hin – mit allem drum und dran – und einem bitteren Kern, den man schlucken kann, aber nicht muss.