Shakespeare Company Berlin

KEINE ERLÖSUNG FÜR DEN KAUFMANN Augsburger Allgemeine 3.12.2016

Berliner Shakespeare Company inszeniert die Tragikomödie mutig und humorvoll. Mit einem Shylock, der scheitert.

Das war sicher nicht bewusst geplant, doch der Kontrast ist verblüffend: Nach der Figur des edlen, weisen und die Religionen versöhnenden Juden in „Nathan der Weise“ vor zwei Wochen im Landsberger Stadttheater hatte nun mit dem hasserfüllten Juden Shylock aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ der charakterliche Gegenspieler seinen großen Auftritt. Würde Letzterer nicht von Shakespeare stammen, wir würden es sicher nicht wagen, ihn so darzustellen, wie er im Original angelegt ist. Die Shakespeare Company Berlin bot nun ihre Inszenierung des ambivalenten Stücks „Der Kaufmann von Venedig“ unter der Regie von Michael Günther. Ein Wagnis ist der „Kaufmann“ in vielerlei Hinsicht: Das Stück balanciert zwischen düsterer Tragödie und entspannter Komödie. Es ist bekannt aus den klassischen Tragödien, dass die eingestreuten lustigen Kapriolen der Dienerschaft den Zuschauer aus der Schwere der tragischen Verstrickungen lösen sollen. Doch hier halten sich tragische und komische Elemente die Waage, und was die leichte Liebeshandlung und komödiantischen Einlagen der Gefolgsleute an Komödie vorgeben, wird durch die beiden tragischen und zutiefst melancholischen Hauptcharaktere Antonio und Shylock nachhaltig infrage gestellt. In jedem Fall ist der „Kaufmann von Venedig“ eines der bekanntesten und beliebtesten Stücke Shakespeares, was der Andrang im Stadttheater bewies: es musste eine zusätzliche erste Reihe geschaffen werden. Schön in Shakespeare-Manier spazierten die Darsteller vor der Vorstellung und in der Pause durch die Zuschauermenge, traten durch den Zuschauersaal auf und ab. Sie musizierten mit Trommeln und Blasinstrumenten, eine schräge, schrille Musik, die die Disharmonie des Stücks widerspiegelte. Die Kostüme wollen wohl bewusst Vorurteile und gewohnte Klischees durchbrechen: Der Jude ist der Einzige, der Hosen trägt, alle anderen tragen seltsame Flanellröcke zu einer Art Anzugjackett. Die tragische Haupthandlung, der Schuldvertrag zwischen Antonio und Shylock, wird immer wieder erfolgreich durch lustige Szenen aufgelockert: Nerissa (Kim Pfeiffer), Dienerin der reichen Braut Porzia (Vera Kreyer), macht sich über deren Brautwerber lustig, indem sie sie herrlich übersteigert nachäfft, etwa den persischen Prinzen in „Türksprak“, das ist sehr witzig. Und im ersten Impuls zuckt man kurz, wenn sie in ihrem Spiel von „allerdings“ zu „allah-dings“ kommt und sich im gespielten Gebet zu Boden wirft. Darf man darüber lachen? Wir haben da – neben dem Judentum – wohl ein neues Tabu, dem es sich, wie es die Inszenierung tut, mit Mut und Humor zu nähern gilt. Kim Pfeiffer erntet jedenfalls Zwischenapplaus. Dennoch will der erste Teil der Aufführung nicht so recht Fahrt aufnehmen. Die Tragik der Figuren Antonio (Oliver Rickenbacher) und Shylock (Stefan Plepp) wird zwar gut verkörpert, die komödiantischen Szenen sind wohl überlegt, doch richtig Leben kehrt erst nach der Pause ein. Der Prozess, bei dem es fast zum Äußersten kommt – Shylock setzt schon das Messer auf Antonios Brust, um ihm sein Pfund Fleisch herauszuschneiden - wirkt lebendig und nachvollziehbar. Endlich kann sich Shylock seinem aufgestauten Hass, der Wut und der Rachsucht hingeben und löst sich aus der Starre. Antonio erscheint als opferbereit, er hat sich selbst schon aufgegeben, ist fast schon froh, durch den Tod aus seiner Melancholie erlöst zu werden. Der Doge tritt auf wie eine Mumie, steif und tot, seine Stimme wird durch einen Apparat verzerrt und klingt mechanisch. Der versteinerte staatliche Rechtsapparat? Am Ende liefern die Liebespaare Bassanio (Daniel Schröder) und Porzia sowie Gratiano (Benjamin Plath) und Nerissa noch leichte, lustige Szenen, ebenso wie die schwer betrunkenen Diener (Oliver Rickenbacher, Daniel Schröder). Was bleibt, ist jedoch der einsam sein Lied singende, melancholische Antonio und der im Prozess auf ganzer Linie gescheiterte Jude Shylock, der sogar dazu verurteilt wird, Christ zu werden. Stefan Plepps Shylock-Figur kann man nicht wirklich hassen, am Ende überwiegt das Mitleid, und das bleibt unaufgelöst. Michael Günther und die Shakespeare Company Berlin liefern eine mutige Inszenierung, die sich nicht scheut, den Juden Shylock als die vorwiegend negative Figur zu zeigen, die im Stück angelegt ist, und die keine Erlösung erfährt. Text:Bärbel Knill