|
31. Oktober 2011 – Rüsselsheim, Echo | online
Was für’n Stress im Wald
Theater: Shakespeare Company Berlin zeigt im Stadttheater turbulente Inszenierung des „Sommernachtstraum“ – Drei Spielebenen und Darsteller in vielen Rollen
Dass über 400 Jahre Aufführungspraxis einer der meistgespielten Komödien William Shakespeares ihren geisterhaften Zauber nicht nehmen können, stellte am Freitagabend die Shakespeare Company Berlin mit einer lustvoll dargebotenen Inszenierung des „Sommernachtstraums“ im Stadttheater unter Beweis. Die 1999 auf Initiative des Schauspielers, Regisseurs und Shakespeare-Übersetzers Christian Leonard gegründete Company entsagte dem bei einem solchen Sujet nahe liegenden Reflex, Zauberwald und Geisterschabernack mit aufwendiger Kulisse und Theaterdonner auf die Bühne zu bringen. Im Gegenteil: Kostüme, Requisiten und eine Rückwand aus eingeschnittenen Stoffbahnen changierten sämtlich in Fleisch- und Erdfarben, nur sparsam in farbiges Licht getaucht. Dass die sechs Darsteller in jeweils mindestens drei Rollen auftraten und diese lediglich durch wechselnden Kopfschmuck und Brillen angedeutet wurden, erleichterte nicht gerade den Durchblick beim ohnehin verwirrenden Liebesreigen dreier Spielebenen – mit voller dramaturgischer Absicht. Bei Puck, androgyner Hofnarr des Feenkönigs Oberon, erlaubte man sich dagegen den Spaß einer zweigeschlechtlichen Doppelbesetzung: Kim Pfeiffer und Oliver Rickenbacher spielten die dankbarste Rolle des Stücks mit komödiantischem Elan und laszivem Witz: Der Schuss Würze, der keiner gelungenen Inszenierung fehlen darf. Als Requisiten dienten einzig Fächer in Hand- bis Metergröße. Waldgestrüpp, aristokratisches Accessoire, Feenflügel – alles ließ sich damit überzeugend darstellen und hielt die Bühne frei für die Aktionen der Schauspieler. Nur den beiden Pucks wurde sie schnell zu klein und beide wuselten immer mal wieder durch die Zuschauerreihen. Kim Pfeiffer passte sich beim Plausch mit Besuchern dem örtlichen Idiom an: „Sin si veheiradet? Un wie?“ Beim allmählichen Ineinandergreifen dreier Spielebenen – einer Handwerkertruppe, die ein Schauspiel probt, der Hof von Theseus, Herzog von Athen, und sein Pedant im Feenreich rund um Oberon – lief das Publikum Gefahr, den Überblick zu verlieren: Wer liebt gerade wen und wen nicht, was führt wer gegen wen im Schilde und überhaupt: Wer ist gerade wer? Aber spätestens im zweiten Teil war weniger Logik als darstellerische Qualität gefragt und das Stück gewann immer mehr an Fahrt. Nicht zuletzt dank einer modernen Neuübersetzung des Textes durch den künstlerischen Leiter und Gründer der „Shakespeare Company Berlin“, Christian Leonard. Ohne dem Sprachgenius Shakespeares zu nahe zu treten, baute er neusprachliche Ausdrücke wie „Botox-Biene“ in den poetischen Fluss des shakespeareschen Originals ein, ohne ihn zu stauen oder umzuleiten – „Was für’n Stress hier im Wald“ brachte das magische und libidinöse Treiben auf den Punkt. Garniert und unterstützt wurde der Text durch laszive bis schwül-erotische Choreografie und eine Körpersprache, die von Kung Fu über Hühnerhof bis Slapstick reichte, und durch Gesangseinlagen von diffiziler Mehrstimmigkeit. Rund 400 Theaterbesucher hatten gemeinsam mit dem Ensemble richtig Spaß. Oliver Rickenbacher verkündete nach langem Applaus: „Wir wollen wiederkommen!“
gm /Echo | online / 31. Oktober 2011 |
|
31. Oktober 2011 – Rüsselsheim, Main Spitze
Prall und sprachgewaltig
STADTTHEATER Berliner Shakespeare Company überzeugt mit der Aufführung „Ein Sommernachtstraum“
Zwei Veranstaltungen buhlten am Freitagabend um eine Zielgruppe und das Theater zog ganz offensichtlich den Kürzeren. Mit der Weinpräsentation in der Walter-Köbel-Halle als Konkurrenz schaffte es das Freitagabend-Schauspiel kaum über die 400er-Marke - und das, obwohl mit Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ eines der populärsten Bühnenwerke überhaupt zur Aufführung kam. Bedauerlich, denn wer sich dennoch zu einem Besuch im Theater entschied, erlebte eine frische und dynamische Inszenierung des Klassikers vom Ensemble der Berliner Shakespeare Company, die schon im letzten Jahr mit „Die Zähmung der Widerspenstigen“ ihre Expertise im behutsamen Modernisieren der Werke bewiesen hatte.
Prall, sprachgewaltig und mit der nötigen Portion Markigkeit - so kommen Shakespeares Dramen und Komödien am besten zum Strahlen. Und was die Umsetzung dieser Erfolgsfaktoren betrifft, präsentierte sich die „Shakespeare Company Berlin“ schon immer als ausgewiesenes Fachpersonal. Dem Traditionalisten dürften die wenig zurückhaltenden Bearbeitungen des Ensembles, das schon immer auf eigene, moderne Textfassungen zurückgreift, wohl nicht in jeder Szene behagen, finden sich in den Dialogen am Freitag doch auch wenig Renaissance-artige Verweise wie Botox-Metaphern und die Degradierung der antiken Handlung zur Skriptvorlage eines Schmierentheaters. Doch wer bereit ist, sich auf die mutigen Eingriffe einzulassen, der erlebt einen „Sommernachtstraum“, der der Originalvorlage in Sachen Energie, Dichte und Drive wohl näher kommt als so manche historisierende Fassung.
Ohnehin sind es vor allem die Schauspieler selbst, die mit ihrer Arbeit dafür Sorge tragen, dass der Stoff seine durchschlagende Wirkung entfalten kann. Regisseurin Doris Harder hat die drei Handlungsebenen mit einem gerade einmal sechsköpfigen Ensemble besetzt und ihren Mimen damit ein gehöriges Pensum auferlegt. Dem Stück tut dies nur gut, denn einerseits kommen die Qualitäten der vielseitigen und kraftvoll agierenden Truppe doch so eindrucksvoll zum Vorschein, andererseits sind die Spieler so auch gezwungen, die gesamte Spielzeit über nicht aufzustecken und die Intensität beizubehalten. Gleichermaßen zeigen die sechs Darsteller am Freitag eine beeindruckende Bandbreite von emotionalem Spiel über komische Passagen bis hin zur Interaktion mit dem Publikum und schaffen es dabei noch über weite Strecken, auch noch den klassischen Sprach-Duktus aufrechtzuerhalten. Oliver Rickenbacher zeigt vor allem als eine Hälfte des auf zwei Partien aufgeteilten Puck eine Energieleistung sondergleichen und auch die quirlige Kim Pfeiffer präsentiert sich in allen ihrer vier Rollen als Spielerin, die Plakativität und Griffigkeit nicht mit Stereotypisierung und Affektiertheit verwechselt.
André Domes /Main Spitze /31. Oktober 2011 |
|
19. Oktober 2011 – Aschheim/Feldkirchen, Münchner Merkur
Eine Sommernacht im Herbst
Aschheim - Wenn sich Schüler im schlimmsten Pubertätsalter mit klassischer Literatur beschäftigen müssen, haben sie allenfalls ein müdes Gähnen für die Weltliteratur übrig. Die Schüler, die auf Anraten der Schule kürzlich den Auftritt der Berliner Shakespeare Company im Aschheimer Kulturzentrum verfolgten, waren zum Schluss begeistert.
Nicht nur sie applaudierten dem Gastspiel des sechsköpfigen Ensembles, das den Spagat zwischen alter Bühnensprache und moderner Darstellung mühelos schaffte. Gezeigt wurde „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Die Geschichte dreht sich um den Feenkönig Oberon und seine getrennt lebende Gattin Titania, die in das Schicksal zweier Liebespaare eingreifen. Und weil das Publikum seit jeher den Diener Puck schätzt und liebt, hatten sich die Berliner für eine gefällige Abwandlung des Klassikers entschieden: Auf der Bühne trieben zwei Pucks ihr Unwesen. Schauspieler Vera Kreyer, Elisabeth Milarch, Kim Pfeiffer, Oliver Rickenbacher, Christian Sprecher und Erik Studte überzeugten durch viel Einfühlungsvermögen. Das Ensemble bezog das Publikum mit ein, und weitete die Bühne auf den Zuschauerraum auf: Vor allem das Näherrücken von Kim Pfeiffer gefiel den vor allem den männlichen Besuchern ausnahmslos.
Franz Köppl /Münchner Merkur /19. Oktober 2011 |
|
28.August 2011 – Berlin, Siegessäule
Ein wahrhaftiger „Sommernachtstraum“, noch bis 9.9.
Die Wiederaufnahme der Shakespeare Company verzaubert und reißt mit – auch bei Regen absolut zu empfehlen!
Kein Stück von Shakespeare eignet sich besser für eine Aufführung in der Natur als „Sommernachtstraum“. Und unter den vielen Gärten Berlins ist der Naturpark Schöneberg – ein vor langen Jahren stillgelegtes Bahngelände mit Relikten aus frühindustrieller Zeit – der Ort, wo man Elfen und Kobolde vermuten könnte. Also genau der richtige Ort für die Neuproduktion der Shakespeare Company Berlin.
Die Inszenierung kommt mit sechs SchauspielerInnen aus, die im fliegenden Wechsel in unterschiedliche Rollen schlüpfen und blitzschnell zwischen den verschiedenen Erzählsträngen des Stücks hin- und herspringen, zwischen Geisterwelt, den adeligen Liebespaaren und den Handwerkern, die das Stück „Pyramus und Thysbe“ proben. Alle DarstellerInnen sind absolut begnadet und bringen mit viel Präsenz und mit Tempo ihre Charakterisierungen auf den Punkt.
Geniale Kostüme, mitreißende SchauspielerInnen, ein zeitgemäßer Text
Dass der Rhythmus der Inszenierung stimmt, liegt aber auch an den genialen Kostümen, einer Mischung aus angedeuteter Renaissance und schillernden Naturgeisterfummeln. Sie sind so gestaltet, dass mit wenigen Handgriffen jeweils eine andere Figur entsteht. Der „Sommernachtstraum“ der Shakespeare Company Berlin zeigt mit einfachen Mitteln Theaterzauber in Höchstform, bewegend, anrührend, mitreißend, spannend, witzig. Die DarstellerInnen erweisen sich außerdem als VollblutmusikerInnen mit stimmungsvollen Einlagen zwischen Klassik, Chanson und Schnulze. Die neue, zeitgemäße Textfassung des Shakespeare-Stücks, die eingesetzt wird, ist intelligent und emotionell, ohne sich krampfhaft plakativ an die Generation Facebook anzubiedern. Zwischenzeitlich ergeben sich im von der Wunderblume verzauberten Beziehungskarussell völlig selbstverständlich auch mal kurzfristig lesbische und schwule Möglichkeiten.
Wenn sich der Sommer dieses Jahr zwischenzeitlich mal entschließt, aus dem Schrank zu kommen, ist dieser Theaterabend mit das Beste, was man draußen machen kann. Aber selbst bei Regenwetter lohnt sich ein Ausflug zu Shakespeare, weil es vor Ort nämlich ein wasserdichtes Ausweichquartier gibt. Und in der Pause können sich die vollendet verzauberten TheaterbesucherInnen auch noch fleischlich oder vegetarisch mit Köstlichkeiten vom Grill stärken.
Eckhard Weber/ berlin siegessaeule.de/ 28.8.2011 |
|
|