Start Presse Rezensionen Die Zähmung der Widerspenstigen Die Zähmung der Widerspenstigen7

18.01.2010 – RÜSSELSHEIM

STADTTHEATER "Die Zähmung der Widerspenstigen" modernisiert den Klassiker

Shakespeare bestellt eine Cola

von André Domes

Es gehört wohl zu den unumgänglichen Nebenwirkungen eines Daseins als Gastspielhaus, dass Klassiker der Theatergeschichte auf der Rüsselsheimer Stadttheater-Bühne eher selten anzutreffen sind. Während die umliegenden Großbühnen ihre Ensembles mit solchem Standard-Repertoire beschäftigen, ist das hiesige Haus auf Tourneeangebote angewiesen, die eben wegen der Konkurrenz der Staatsbühnen eher die Boulevard-Sparte bedienen. Eine Ausnahme wurde am Freitagabend im Schauspielring vorstellig und vom Publikum begeistert aufgenommen: Die Berliner "Shakespeare Company" war zu Gast und präsentierte mit "Die Zähmung der Widerspenstigen" eine Inszenierung, die durch eine beherzte Fassadenerneuerung dem englischen Dramatiker alle Ehre machte.

Markig, modern, dynamisch und voller Leben ging das rot berockte, sechsköpfige Ensemble mit dem Stück um und ließ den Stoff aus dem 16. Jahrhundert als das wirken, was er ist: eine Komödie. Während andernorts lehrbuchmäßig historisiert wird, verfrachteten die Berliner die Eröffnungsszene kurzerhand ins Abteil eines ICE zwischen Pisa und Venedig. Dort wurde über Brustvergrößerungen geredet, Cola bestellt und spätestens, als die widerspenstige Katharina zu einem Miesepeter-Rap ausholte, war die Marschrichtung klar: Respekt ja, Ehrfurcht nein.

Respektvoller Umgang heißt dabei für die Berliner vor allem spielerische Leidenschaft, Einsatzwille und ein Bühnengeschehen, dass moderne Rezeptionsgewohnheiten mit dem Shakespeare´schen Hör-Theater in Einklang zu bringen versucht. Mittel hierfür waren zum einen zahlreiche musikalische Sequenzen, die als retardierende Momente für Atmosphäre sorgten, aber auch ein ausgiebiger Einsatz von Lautmalereien und Geräuschen von piependen ICE-Türen bis zum überzeichnet knurrenden Magen der zum Fasten gezwungen Katharina. Dass das Stück dabei mit einem Mindestmaß an Kulisse, mehr als drei rote Stelen und einen Kontrabass gab es nicht, und ganz ohne Toneffekte auskam, spricht für die Vielseitigkeit und Klasse des Ensembles. Die sechs Schauspieler lieferten durchweg engagierte Leistungen ab und zeigten von klassischem Monolog- Theater über schnell choreographierte Gruppen-Szenen bis zu Clownerie-Anleihen ein breites handwerkliches Spektrum.

Besondere Akzente gelangen dabei Stefanie Lanius mit einer egozentrischen, doch eigentlich nicht zickigen Katharina und Elisabeth Milarch, die mit gleich vier Rollen eine echte Energieleistung erbrachte. Bei all dem turbulenten Treiben entpuppte sich die Textfassung von Christian Leonard und deren Umsetzung von Tom Ryser als überaus treffsicher. Statt einer Erziehung zur Gefügigkeit wurde die "Zähmung" zu einem listig-unverfrorenen Wink mit dem Zaunpfahl, mit dem Petrucio (Stefan Plepp) eine respektvolle Partnerschaft einfordert.

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